Warum digitales Trinkgeld für Unmut sorgt, und welche Etikette heute gilt
Bezahlung geht easy am Kartenterminal, Trinkgeld auch. Doch nicht alle Kund*innen sind happy.
Quelle: Clay Banks/Unsplash
Trinkgeld zu geben, gehört in bestimmten Bereichen einfach zum guten Ton. Beim Taxifahren oder im Restaurant rundet man auf und als wir alle noch ständig Kleingeld in der Tasche hatten, warf man auch mal ein paar Münzen in das Tipglas auf dem Verkaufstresen. Doch seit einiger Zeit hat sich eine andere Art von Trinkgeld durchgesetzt. Auf dem Display bei der Kartenzahlung stehen verschiedene Prozentoptionen oder die Option, kein Trinkgeld zu geben. Der Digitalverband Bitkom hat gerade eine repräsentative Umfrage zu dem Thema veröffentlicht. Wenig überraschend: Trinkgeldvorgaben am Bezahlterminal stoßen auf wenig Begeisterung.
Stimmt so! Schon lange nicht mehr
In den Metropolen gehört es längst zur Gastronomie: Das Tablet oder Kartenterminal wird einem mit einer lässigen Handbewegung entgegengestreckt, auf dem Display leuchten die Prozentzahlen. 10, 15 oder direkt 25 Prozent. Die Umfrage unter 1.004 Personen ab 16 Jahren zeichnet hier ein klares Bild der Frustration. Nur 29 Prozent der Befragten empfinden diese voreingestellten Vorschläge als hilfreiches Tool. Besonders die ältere Generation zeigt sich von der neuen Trinkgeld-Ästhetik wenig begeistert. In der Gruppe der über 65-Jährigen liegt die Zustimmung bei gerade einmal 22 Prozent. Dabei spielt die Umgebung eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz. Während ein digitaler Tip im Café bei gutem Service am Tisch absolut klargeht, sorgt die Erwartungshaltung beim Bäcker für Unverständnis. Wenn das Terminal plötzlich Prozente verlangt, nur weil Brötchen eingepackt und über den Tresen geschoben wurden, fühlt sich das für viele deplatziert an. Es entsteht eine unangenehme neue Art, die das eigentlich positive Erlebnis des Kaufs mit einem unangenehmen Beigeschmack überzieht.
Der Nudging-Effekt: Trinkgeld sprengt das Budget
Hinter dem Begriff Nudging steckt eine psychologische Methode, bei der Menschen subtil in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, ohne dass ein direktes Verbot oder ein Zwang ausgesprochen wird. Im Kontext der Bezahlterminals wird dieses Design genutzt, um das Verhalten der Kund*innen zu beeinflussen. Ein entscheidender Punkt, der in der Community für Unmut sorgt, ist der subtile Druck, der aufgebaut wird. Man steht an der Theke, die Schlange hinter einem wird länger und plötzlich muss man aktiv eine Entscheidung. Nicht alle sind so fix im Kopfrechnen, um einen anderen Betrag einzugeben, den man für angemessen hält.
Rund 64 Prozent der Kund*innen geben zu, dass sie durch diese digitalen Vorgaben am Ende mehr Geld ausgeben, als sie eigentlich geplant hatten.
Satte 68 Prozent empfinden es als absolut unangemessen, wenn Terminals ausschließlich Beträge ab einer Höhe von 10 Prozent vorschlagen.
Wer nicht den mühsamen Umweg über „Anderer Betrag“ gehen will, um eine kleinere Summe oder eine Null einzutippen, zahlt oft aus einem Gefühl der sozialen Verpflichtung heraus mehr. Es ist eine kalkulierte Erwartungshaltung, die das ehemals freiwillige Trinkgeld in eine Art informelle Gebühr verwandelt. Die Voreinstellung strukturiert die Entscheidung vor und setzt implizite Grenzen, die den freien Willen im Bezahlmoment massiv einschränken.
Kommt das Trinkgeld wirklich an?
Grundsätzlich ist die Akzeptanz für digitales Payment hoch. Doch es schwingt auch etwas Misstrauen mit. Lediglich 52 Prozent der Teilnehmer*innen glauben fest daran, dass das digitale Trinkgeld am Ende auch wirklich vollständig bei den Servicekräften ankommt. Während die 16- bis 29-Jährigen mit 63 Prozent noch recht optimistisch auf die digitalen Prozesse blicken, sinkt dieses Vertrauen bei den über 50-Jährigen auf unter 50 Prozent.
So geht die Etikette beim digitalen Trinkgeld
Der Ort bestimmt die Erwartung: In Restaurants und Cafés mit Bedienung am Tisch ist der Klick auf die Prozenttaste inzwischen Standard. Wer sich hier komplett verweigert, bricht die Etikette, sofern der Service nicht mangelhaft war. In Bars ist das digitale Trinkgeld beim ersten Drink fast schon Pflicht, um die Anerkennung für den restlichen Abend zu sichern. Die 10 Prozent Regel bleibt dabei der Goldstandard. Auch wenn Terminals oft 15, 20 oder sogar 25 Prozent vorschlagen, gelten 10 Prozent weiterhin als höflich und absolut ausreichend. Alles darüber hinaus ist eine besondere Anerkennung für außergewöhnlichen Service. In der Grauzone des Counter Services, etwa beim einfachen Verkauf über die Theke, ist ein Klick auf kein Trinkgeld völlig legitim. Wer lediglich eine Ware entgegennimmt, braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er die Trinkgeld Option ignoriert.
Trinkgeld ist Wertschätzung
Trinkgeld ist und bleibt eine Form der Wertschätzung für guten Service – eine Geste, die für viele Mitarbeiter*innen in der Servicebranche existenziell ist. Viele Angestellte sind auf diese Zusatzeinnahmen angewiesen und planen sie fest in ihr Budget ein. Ein Bezahlvorgang unterstützt diesen Support, statt ihn durch psychologische Tricks zu erzwingen. Es liegt an der Gastronomie zu erkennen, dass ein aufgezwungener Obolus das Vertrauen untergräbt. Am Ende sollte die Entscheidung immer bei den Kund*innen liegen – denn nur eine freiwillige Anerkennung ist echte Anerkennung.